Bericht / Schweizer Zeitung

Schwerter zu Golfschlägern


Der Golfschmied: Katsuhiro Miura fertigt die besten Eisen der Welt - nach den Regeln der Samurai

Wir sitzen im Steakhouse Koji in Himeji, und Katsuhiro Miura erklärt uns den Unterschied zwischen einem Fleischmesser und einem Golfschläger. Wenn ein Steak misslinge, sagt er und zerteilt zügig sein Stück Matsuzaka-Beef, so sei mit Sicherheit der Koch und nicht das Messer anzuklagen. Wenn hingegen ein Golfschlag missglücke, sei mit Sicherheit der Schläger und nicht der Spieler schuld. Japanische Logik, aber international anwendbar, wie jeder Golfer zwischen Aarau und Australien weiss.

Katsuhiro Miura hat sich zum Ziel gesetzt, die unterschiedliche Schuldzuweisung zwischen Messern und Golfeisen deutlich zu verkleinern. Seit 15 Jahren stellt er nahe der japanischen Kleinstadt Himeji eigene Golfschläger her. «The Hands of God», schreiben die japanischen Golfzeitschriften gläubig über Miura. «Seine Schläger», sagen sie, «gehören zu den besten der Welt.»

Miuras Eisen sind von Hand geschmiedet, mit dem Hammer in der Hand, wie von alters her. Der Stahl wird nicht geschmolzen und gegossen wie bei den Massenproduktionen in der chinesischen und taiwanischen Golfindustrie, wo alle grossen Weltmarken wie Callaway, Wilson, Nike und Mizuno am Fliessband fertigen lassen. Nun ist der Unterschied zwischen der edlen Schmiedekunst und dem profanen Giessereihandwerk womöglich nicht jedem Leser vertraut. Damit sich die Bildungslücke schliesst, müssen wir ein wenig von den japanischen Samurai erzählen. Die grosse Zeit der Samurai dauerte vom 12. bis 17. Jahrhundert. Samurai waren Profikrieger, die von den rivalisierenden Clans der Minamoto, Fujiwara und Taira für ihre Heere angeworben wurden, beruflich also nahe verwandt den eidgenössischen Söldnern von Marignano und anderswo. Im Gegensatz zu den illoyalen Bauerntölpeln aus der Innerschweiz aber standen die Samurai in der gesellschaftlichen Hierarchie ganz oben, ihren Herrn treu bis in den Tod und gemäss ihren Regeln des Bushido von hohem ethischem Standard. Als Waffe benutzten sie zwei Schwerter: die lange, gebogene Katana, das oberste japanische Kultobjekt, und die kürzere Wakizashi, die für den Nahkampf gebräuchlich war und bei Ehr- oder Gesichtsverlust auch für die Samurai-spezifische Problemlösung des Harakiri taugte.

Himeji war schon im Mittelalter das Zentrum der Schwertproduktion, Katsuhiro Miura ist in Himeji geboren, und er erklärt uns, wie man perfekte Katanas schmiedet. «Gute Schwerter», sagt er, «sind ein Dialog. Sie müssen hart sein, und sie müssen weich sein.» Das ist keine japanische Schilf-im-Wind-Rhetorik, sondern die Basis der Schmiedekunst. Stahl muss die zwei Elemente Härte und Schmiedefähigkeit harmonisch verbinden. Ist er zu hart, wird er spröde und bricht, ist er zu weich, lässt er sich formen, doch fehlt dem Schwert die Präzision. Die Schmiede lösten das Problem, indem sie weichen Stahl von geringem Kohlenstoffgehalt wählten, ihn aber nicht schmolzen, sondern nur erhitzten, um ihn dann mit dem Hammer in die Form zu hauen. Dann härteten sie die Schneidefläche der Klinge.

«Schwerter sind wie Golfschläger», sagt Katsuhiro Miura, «der Stahl ist ihre lebendige Seele.» Das klingt nun schon reichlich japanisch, doch Miura, heute 62, wird es wohl wissen. Als er vor 47 Jahren seine erste Arbeitsstelle in einer Schmiede im Himeji antrat, stellte man dort noch immer klassische Katana-Schwerter her. Weil die Nachfrage mangels Samurai sank, wurden Golfschläger zum zweiten Standbein des Betriebs. Als 25-Jähriger machte sich Miura selbstständig. Erst produzierte er ausschliesslich Schläger im Auftrag von internationalen Anbietern wie Taylor Made und Titleist. Seit 1988 verkauft er seine eigenen Eisen unter dem Miura-Brand.

Der kleine Betrieb mit 23 Angestellten kommt nicht gerade im Samurai-Styling daher, wirkt aber optisch und akustisch auch nicht sehr industriell - vieles ist Handarbeit, es sprühen die Funken, es hämmern die Hämmer, die Schweisslampen glühen. Auch heute noch wird, wie es die Tradition will, erst ein Stück Stahl kalt in die Form des Golfschlägers gepresst, der Unterschied zu früher besteht nur darin, dass nicht Muskelkraft, sondern Maschinen den Job übernehmen. Dreimal wird dann das Metall erhitzt und wieder in die Form zurückgeklopft, dann geschliffen, poliert, gestanzt, verchromt.

Der aufwändige Prozess limitiert die Produktion. Nur 4000 Sets pro Jahr stellt Miura her, noch weniger sind es bei den Titanium-Hölzern mit Schmiedestahl-Front und bei den Puttern. Der grösste Teil geht in Japan über den Tisch, zweitgrösster Markt sind die USA. In Europa sind es bisher nur vereinzelte Individualisten, die via Internet (www.miuragolf.com) die exklusive Marke ordern. Die Preise liegen im gehobenen, aber zahlbaren Segment, ein komplettes Eisenset zwischen 1400 und 3500 Franken, individualisierte Ausrüstungen mit persönlicher Abstimmung bei Längen, Gewicht und Balance kosten gut das Doppelte.

Der grösste Vorteil seiner Technologie, sagt Miura, sei eine bessere Kontrolle für den Spieler. Der Schmiedestahl unterscheide sich vom Giessereiprodukt durch eine akkuratere Verbindung von Hand zu Ball: «Meine Schlägerköpfe fühlen sich beim Schlagmoment in der Hand viel weicher an - je besser der Spieler, je grösser dieser Effekt.» «Extra Feel» nennen die Amerikaner dieses Gefühl. «Der Mythos der geschmiedeten Schläger», sagt etwa der US-Golfexperte Jeff Jackson, «ist es, den Ball nicht zu schlagen, sondern bearbeiten zu können.»

Viele Golfprofis spielten und spielen mit Schlägern von Miura, beispielsweise Raymond Floyd, Nick Price, José Maria Olazabal und Ian Woosnam. Allerdings stand auf ihren Schlägern, mit denen sie Masters und Open Championships gewannen, nicht der Name Miura, sondern der einer anderen Schlägermarke wie McGregor, Callaway oder Taylor-Made. Die Weltmarken liessen zwar die Schläger für ihre Stars bei Miura schmieden, allerdings in ihrem Design und mit ihrem Schriftzug drauf. Auch Tiger Woods, als er noch bei Titleist unter Vertrag war, spielte mit Schlägern, die Katsuhiro Miura persönlich in Himeji gefertigt hatte.

Das ist vielleicht ein bisschen unfair gegenüber den Amateurspielern. Die bewundern nun am TV José Maria Olazabal und Tiger Woods, greifen reaktionsschnell zur Kreditkarte, sausen in den Golfshop und kaufen sich vermeintlich genau dieselben tollen Schläger wie die Golfprofis - nicht wissend, dass die Stars in Wahrheit mit Einzelanfertigungen von Meister Miura perfekt treffen. Vielleicht ist das ein bisschen unfair, aber es ist logisch, wenn man weiss, wie die Golfindustrie funktioniert. Die führenden Hersteller von Golf-Equipment betreiben allesamt keine eigenen Fabriken, sondern haben die Produktion an unabhängige Unternehmen ausgelagert. Die übliche Massenware für die Hobbygolfer stammt aus chinesischen Giessereien, die speziell geschmiedeten Schläger für die Topspieler werden bei spezialisierten Kleinfirmen wie Miura in Auftrag gegeben.

Schön wäre es schon, sagt Katsuhiro Miura, einen Spieler wie Olazabal, Woods oder Price unter dem eigenen Label spielen zu lassen. Doch das kann sich ein Gewerbebetrieb nie und nimmer leisten, allein die Sponsorenbeträge gehen bei Spitzenspielern in die Millionen Dollar im Jahr. Miuras Zielpublikum ist vielmehr der ambitionierte Amateur. Denn hier hat sich in den letzten Jahren eine interessante Wende abgezeichnet. Geschmiedete Eisen, so genannte «Forged Irons», werden zusehends populärer. In den USA ist neuerdings ein veritabler Run auf die Schmiedeeisen ausgebrochen. Nachdem Hogan 1999 als erster grosser Hersteller hochklassige Schmiedeware ins Programm aufnahm, mussten alle anderen grossen Hersteller nachziehen. Meistens bieten sie «Blades» an, also schmale Schlägerköpfe für eher fortgeschrittene Spieler.

Der leicht fortgeschrittene Amateur - wir reden vom Autor - bekommt nach dem theoretischen Teil ebenfalls die Möglichkeit, die Wunderwaffen aus dem Hause Miura praktisch auf dem Golfplatz auszuprobieren. Katsuhiro Miura, Handicap 13, erweist sich dabei als ausserordentlich höflicher Golfpartner. Nach jedem gelungenen Schlag lobt er die hohe Golfkunst des verehrten Gastes über den grünen Klee, nach jedem misslungenen Schwung verweist er kummervoll darauf, dass seine armseligen Schläger noch nicht die Perfektion erreicht hätten, die er sich wünsche. Als der verehrte Gast zum Schluss der Runde versichert, er hätte die 18 Loch und den Test der Miura-Eisen ausserordentlich geschätzt, lächelt Herr Miura und sagt, er möchte dem verehrten Gast noch eine kleine Geschichte von den Samurai-Schwertern erzählen.

Nachdem der Stahl bearbeitet und gehärtet war, testeten jeweils auch die alten japanischen Schmiede die Schärfe der Klinge. Dazu versuchten sie, die Gliedmassen zum Tod verurteilter Krimineller mit einem einzigen Hieb vom Körper zu trennen. Besonders beliebt beim Test war der Kopf.

Der Golfmarkt wächst, für die Global Players und die kleinen Spezialisten

Im Jahr 2003 erreichte der weltweite Umsatz mit Golfschlägern 4,95 Milliarden Franken. Die wichtigsten Wachstumsmärkte sind derzeit China und Indien, wo Marktstudien einen Zuwachs von 25 Prozent im Jahr voraussagen. Aber auch in den meisten europäischen Ländern hält das Wachstum an. Weltweit gibt es rund 110 Produzenten von Golfschlägern, 50 davon haben den Firmensitz in den USA. Weitaus wichtigstes Produktionsland ist China, gefolgt von Taiwan, Korea und Japan.

Der Markt wird dominiert von den grossen globalen Anbietern wie Callaway, Taylor-Made (Adidas), Ping und Wilson. Der aktuelle Trend im Markt geht hin zu teureren und qualitativ hochstehenden Produkten. In diese Tendenz fügt sich die erstaunliche Renaissance der geschmiedeten Eisen (forged irons). Auf diesem Gebiet können auch kleine, spezialisierte Hersteller mit den grossen Weltmarken mithalten. Bekannte kleinere Produzenten von geschmiedeten Schlägern sind etwa die japanischen Firmen Miura und Endo, die amerikanischen Golf Smith und Louisville oder die britischen Prosimmon und Acer.

Von Kurt W. Zimmermann (Erschienen in der Sonntagszeitung - Schweiz)